Layer

Springerin, Bettina Brunner

… Im Kontext der Ausstellung stachen Ana Hoffners Performance Non-aligned relatives zur Eröffnung sowie ihre Installation The Bacha Posh Project (2018) hervor. Jene Arbeiten sprengten den zeitlichen Referenzrahmen von Queer Stories, indem sie eine differente Form des historischen Denkens vorschlugen. Das Verständnis von Queer-ness erschien darin nicht auf einen konkreten Moment der jüngsten Vergangenheit bezogen, sondern – wie es im Rahmen von Hoffners Performance hieß – „as a particular way to write history“. Wie Hoffner eindrucksvoll deutlich machte, wäre jene alternative Genealogie Resultat einer Verschränkung fiktiver und realer Figuren der Geschichte – der „non-aligned relatives“ –, die die Künstlerin immer nur punktuell und im Kontext verschiedenster medialer Vermittlungsprozesse greifbar werden ließ.

 

Hoffners Performance, bei der die Künstlerin durch ihre mehrteilige Installation The Bacha Posh Project führte und dabei durchaus gewollt Andrea Frasers Figur des Museumsguides aus den späten 1980er Jahren anklingen ließ, ging von den Fotoarbeiten des Queer Family Album (seit 2014) aus. Die Künstlerin verknüpfte darin eine queere Kulturgeschichte der Moderne mit der eigenen ex-yugoslawischen Familiengeschichte und nahm zugleich Bezug auf die afghanische Tradition des „Bacha Posh“, bei der Mädchen als Jungen aufgezogen werden. Hoffners Queer Family Album, das aus einer Reihe von zu Gruppen zusammengefassten Porträtfotos bestand, griff dabei die Ästhetik kulturhistorischer Ausstellungen auf – ähnlich Zoe Leonhards Fotoserie The Fae Richards Photo Archive (1993–96), die die Lebensgeschichte der fiktiven Afro-amerikanischen Schauspielerin Fae Richards nachzeichnete.

 

In Hoffners Performance wurden ihre Stimme, Mimik und Gesten – von der emotionalen Überzeichnung autobiografischer Reminiszenzen bis hin zur neutralen Präsentation scheinbarer Fakten ­– zur Projektionsfläche disparater Referenzfiguren. Die Künstlerin formulierte dabei ein Narrativ, das von der eigenen Großmutter und ihrer als Mann lebenden Schwester zur fiktiven Figur des afghanischen Avantgardekünstlers Aziza Mehran Ahmad führte. War dieser in Hoffners Story in Kontakt mit der französischen Surrealistin Claude Cahun, so wurde deren Cross-dressing von Ahmad als westliche Form des „Bacha Posh“ interpretiert. Der Künstlerin gelang es dadurch den Bogen zur Gegenwart und der medialen Ausschlachtung nicht-westlicher Kulturpraktiken zu spannen. Dies kulminierte in Hoffners Re-enactment eines amerikanischen Fernsehinterviews mit der Journalistin Jenny Norberg von 2015, wo letztere über ihre erste, zufällige Begegnung mit der Praxis des „Bacha Posh“ sprach.

 

Angesiedelt zwischen Sprache und Bild reichten die Objekte in Hoffners Performance von gedruckten Textpassagen, die die Künstlerin dem Publikum stumm entgegenhielt bis hin zu dreidimensionalen Sprachenspielen. Tierfedern lagen unter mit Schreibfedern behängten Zweigen. Läutglocken befanden sich unter einer Reihe aus Glasglocken. Endete Hoffner ihre Performance, indem sie letztere Objekte mit einer Art dadaistischer Lautpoesie kommentierte, so wurde Queer-ness als Form des historischen Denken zu einem offenen Prozess, dessen Weiterführung durchaus über die Arbeit der Künstlerin hinaus – deren kulturellen und historischen, visuellen und sprachlichen Referenzrahmen – imaginiert werden konnte.

Ana Hoffner